Das „Warum“ vom Textilportal

Woher kommt Dein Essen?

Wenn ich eine meiner Bekannten frage: „Woher kommt Dein Essen und wie wurde es produziert?“, dann kann sie meist detailliert Auskunft geben. In meiner gesellschaftlichen „Blase“ achten wir auf gesunde Ernährung, gehen gerne regional und saisonal auf Bauernmärkten einkaufen, kochen viel selbst, essen viel Gemüse und eher wenig Fleisch. Und wenn schon Fleisch, dann am liebsten von einem nahe gelegenen Bio-Bauernhof, wo die Tiere ein würdiges Leben auf der grünen Wiese geführt haben.

Industriell produzierte Lebensmittel, Obst und Gemüse, das um die halbe Welt gereist ist, aber vor allem Angebote, die schreien: „Billiger! Billiger!“ stoßen bei uns auf Skepsis. Die hohe Qualität unserer Lebensmittel ist uns einen guten Preis wert. Und es gibt uns ein wohlig-warmes Gefühl, dass wir die Leute häufig sogar persönlich kennen, die die Nahrungsmittel produzieren, die uns ernähren.

Woher kommt Deine Kleidung?

Wenn ich eine meiner Bekannten frage: „Woher kommt Deine Kleidung und wie wurde sie produziert?“, stoße ich häufig auf ratloses Schweigen. Viele achten auf „Qualität“ und geben auch gerne Geld für „Marken“-Kleidung aus. Aber sogar die Selbernäherinnen unter meinen Bekannten können in den allermeisten Fällen nicht nachvollziehen, unter welchen Bedingungen die Stoffe produziert wurden, die sie verarbeiten.

Während es in der Lebensmittelindustrie zunehmend üblich wird, dass ich als Konsumentin einerseits die Inhaltsstoffe und andererseits die Herkunft und den Weg der Lebensmittel detailliert nachvollziehen kann (wie z.B. bei der Marke Zurück zum Ursprung), sind wir in der Textilindustrie noch weit davon entfernt. (Bitte hinterlass mir einen Kommentar unten, falls Du eine Firma/Marke kennst, die jedes Kleidungsstück rückvollziehbar macht. Ich recherchiere dieses Thema und bin für jeden Hinweis dankbar!)

Weit, weit weg?

Die Kleidung aber auch die Stoffe, die wir in Mitteleuropa (und auch anderswo auf der Welt) konsumieren, wird großteils in Süd- und Ostasien unter oft haarsträubenden sozialen und Umweltbedingungen produziert. Und dann reist sie in großen Frachtschiffen, die unglaublich umweltschädigend sind, um die halbe Welt, um einige wenige Wochen lang in unseren Modefilialen zu hängen. Der „letzte Schrei“, Saisonware, ganz kurz modern: Umweltbelastend produziert, kaum getragen, und anschließend geschreddert, verbrannt, deponiert.

Seit ich mich in das Thema einarbeite, wird mir bei konventionell produzierter „Fast Fashion“ Kleidung richtig übel. Einen guten Einstieg bietet, wie ich finde, das selbstironisch geschriebene Buch (und der gleichnamige Blog) „Ich kauf nix!“ der wiener Autorin und Aktivistin Nunu Kaller: Vom Shopaholic zur bewussten Konsumentin beschreibt sie im Tagebuchstil ihre einjährige Kleidungsdiät und lässt nebenbei, ohne erhobenen Zeigefinger aber mit viel Empathie, die Ergebnisse ihrer Recherche über die Modebranche einfließen.

Viele große Marken haben sich in den letzten Jahren bessere Arbeitsbedingungen auf die Fahnen geschrieben. Wie viel davon „Greenwashing“ ist und wie viel wirkliche Initiative, kann ich als Ottilie Normalverbraucherin häufig nicht nachvollziehen, auch wenn die Clean Clothes Kampagne seit 25 Jahren über Missstände aufklärt und sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzt.

Ich als Konsumentin fühle mich recht machtlos und hilflos. Wie kann ich meinen Kleiderkonsum in meine eigenen Hand nehmen?

Und plötzlich tauchte die Vision auf: Wie wäre das, wenn ich auch meine Kleidung, bio und regional beziehen könnte? Aus Fasern, die regional auf Pflanzen oder Tieren gewachsen sind, die in meiner näheren Umgebung zu Garnen und Stoffen aufbereitet wurden, und von mir selbst oder von regionalen Handwerker/innen zu ansprechender Kleidung verarbeitet wurden. Wenn ich einen regionalen Textilmarkt hätte, analog zum regionalen Bauernmarkt, wo ich Lebensmittel kaufen kann.

Die erste Reaktion auf diese Vision ist wahrscheinlich: Aber das ist doch unmöglich! Der Großteil der europäischen Textilindustrie wurde durch die Billigkonkurrenz zerstört, Fabriken wurden geschlossen, Geräte verschrottet!

Die ganze Textilindustrie? Nein, denn ein kleines gallisches Dorf…. (Halt, falsch abgebogen.)

Oder ganz nah?

Die richtigere Reaktion auf die Frage wäre: Wie können wir bio und regional produzierte Kleidung möglich machen? Wobei mir egal ist, ob Du in Buxtehude oder in Klagenfurt zu Hause bist. Regional bedeutet: Dezentral jeweils da, wo Du wohnst.

Wenn ich Kleidung (wieder) bio und regional erzeugen will, dann brauche ich:
– landwirtschaftliche Betriebe, die Pflanzenfasern anbauen und/oder Tiere scheren;
– Spinnereien und Webereien, die diese Fasern zu Garnen und Stoffen weiter verarbeiten;
– Handelsbetriebe, die diese regionalen Garne und Stoffe vertreiben;
– textile Gewerbetreibende, die Garne und Stoffe zu Kleidungsstücken verarbeiten, oder Do-it-yourself-Menschen, die das selbst tun;
– und Konsument/innen, die bereit sind, für gute regionale Qualität und Arbeit einen angemessenen Preis zu zahlen.

Dieser Preis wird vergleichsweise sehr hoch sein, aber lieber EIN wunderbares, hochwertiges, langlebiges Kleidungsstück als 10 kurzlebige, minderwertige. Oder etwa nicht?

Handelsbetriebe und Gewerbetreibende gibt es im deutschsprachigen Raum viele. Bei landwirtschaftlichen und faserproduzierenden Betrieben gibt es erste Ansätze, würde ich mal sagen. Mich faszinieren regionale Produkte wie der Tweed vom Mühlviertler Waldschaf, oder die Alpakawolle vom Wieserhof.

Davon will ich mehr!

(Kennst Du Betriebe, die in Deiner Region textile Fasern produzieren? Verrate sie uns in den Kommentaren unten!)

Es hätte so viele Vorteile, Textilien wieder verstärkt regional zu produzieren und zu konsumieren: Die regionale Wirtschaft stärken, unabhängiger von internationalen Warentransporten werden, ökologischen Fußabdruck verringern, etc.

Also: Wie können wir das möglich machen? Wie können wir eine regionale Textilproduktion fördern, stärken?

Das Textilportal als Drehscheibe und Plattform

Ehrlich gesagt: Wenn ich heute (April 2021) mich in Fasern kleiden wollen würde, die im Umkreis von – sagen wir mal – 200 km von meinem Wohnort produziert wurden: Ich wüsste gar nicht, wie ich das anstellen sollte. Vielleicht gibt es sogar produzierende Betriebe, aber mir fehlen einfach zu viele Informationen.

Diese Informationen über regionale Angebote zusammenzutragen, auf ansprechende Art und Weise aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen, das ist der Kern vom Textilportal.

Ich möchte, dass ich als Konsumentin sehr einfach herausfinden kann: Wo kann ich regionale Wolle kaufen? Wo gibt es einen Stoffladen in meiner Nähe? Wer näht mir eine Hose? Wer strickt mir einen Schal? Wer häkelt mit ein Brautkleid? Wer webt mir ein Handtuch? Alles rund um Textilien und textile Dienstleistungen.

Ich möchte die kleinen, lokalen Produzent/innen sichtbarer machen, ihnen dabei helfen, ihre Produkte und Dienstleistungen besser zu vermarkten.

Ich möchte Vielfalt und Diversität zeigen: Liebevoll handgemachte Einzelstücke statt Ware von der Stange beim Kleidungsschweden.

Ich möchte mit Euch in die wunderbare Welt der Textilkunst eintauchen, spannende, aufregende, schöne Kunstwerke entdecken.

Im Endeffekt möchte ich durch das Textilportal den Wiederaufbau regionaler textiler Strukturen anregen und unterstützen. (Das liegt noch in der Zukunft, aber Träumen ist erlaubt.) Zuerst in Mitteleuropa. Und dann die ganze Welt. 🙂

Ich kann das nicht alleine machen: Nur wenn viele mithelfen und Informationen zusammentragen, kann das Projekt gelingen. Das ist auch ein Aufruf an Dich, sobald ich hier die nötigen Formulare programmiert habe, Dein regionales Wissen beizutragen und für andere zugänglich zu machen.

Bis dahin wünsche ich Dir viel Spaß und Freude beim Stöbern, beim Finden, beim Lesen und beim Entdecken von großartiger textiler Qualität!